Freitag, der 14. August 2020
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Die Schlacht von 1565 bei der Szentmartony Puszta

 455 Jahre seit der Schlacht um die Burg Gyula auf dem Territorium unserer Heimatgemeinde Sanktmartin im Mai 1565. Immer wieder fragt man sich: Warum sind unsere Vorfahren ausgewandert, warum haben sie Ihre Heimat verlassen, warum hat Harruckern sie nach Ungarn geholt. Die Antwort finden wir in unserer Vor-Heimat Geschichte. Unser Heimatort Sanktmartin wurde zum ersten Mal auf einer Landkarte in der Festung Gyula aus der Zeit der Könige der Arpaden erwähnt. Arpad (845; † um 907), war der Sohn des Fürsten Almos und Großfürst der vereinten Magyaren Stämme, die führende Gestalt nach der ungarischen Landnahme und Begründer der Arpaden--Dynastie. Seine siebenhundert jährige Geschichte liegt im Dunkeln, da uns außer dem Namensort jedwelcher Daten fehlen. Lange glaubten wir Sanktmartiner, dass mit der Einwanderung unserer Vorfahren 1722-1724 das Dorf und der Name entstand. Auch wurde der erste Platz der Ansiedlung auf die Krautäcker am Schimandamer Weg, links nach dem Kreuz, als Dorf bezeichnet. Der Grund: bei Feldarbeiten auf jenen Äckern wurden Tonscherben gefunden, die als Festlegung einer solchen Siedlung unserer Vorfahren bestätigen sollte. Man glaubte auch, dass 30 Jahre nach der Ansiedlung, das Dorf auf dem heuteigen Platz erbaut wurde, da es jährlich im Frühling Überschwemmungen gab und man so zur Umsiedlung gezwungen wurde. Die Daten in unserer Historia Domus und den Karten der Harruckern zeigt uns aber ein ganz anderes Bild. Auf dem Krautäckern am Schimandamer Weg lag einst ein Gehöft mit Namen Szent Martony Puszta. Puszta nennt man jene Öde, vegetationsarme Ebene zwischen Donau und Theiß, Marosch und Kreisch die als westlicher Ausläufer der eurasischen Steppe gilt. Der Name leitet sich vom altslawischen Wort „pust“ ab, was so viel wie „öde“, „wüst“, „leer“ (rumänisch-pustuşag) bedeutet. In diesem Sinne kann die Ableitung „Puszta“ mit „Einöde übersetzt werden. Also ein Einöd Bauernhof. Der Begriff kam auf, als sich die Bevölkerung während der Türkenherschaft in die Städte zurückzog und das Land verödete. Später wurden wieder einzelne Hofstellen gegründet, die zuerst wegen der regelmäßigen Überflutungen nur temporär bewirtschaftet wurden. Diese Bezeichnung passt zu den Krautäcker, die regelmäßig überschwämt wurden. Die Szent Martony Puszta bestand aus mehreren Häusern aus Lehm gestampft und mit Rohr gedeckt, aus Ställen für Pferde, Kühe, Schweine, Schafe und Federvieh auf dem 20-30 Menschen lebten.  Weithin sichtbare Ziehbrunnen, Rinder und Schafe bestimmten die einzigartige Landschaft. Vor dem Gehöft öffnete sich bis zur Burg Gyula die ungarische Puszta, die spätere Hutweide,  ie im Frühling durch die nahegelegene Kreisch überflutet war und auf der sich tausende Wasservögel tummelten. Im Sommer kann es sehr heiß und im Winter bitterkalt werden. Nach Trockenheit kann es zu Staubstürmen kommen, nach ergiebigen Regenfällen auch zu Überschwemmungen ganzer Landstriche, aus denen dann das Gehöft wie eine Insel aus einem Meer herausragte. Die Puszta ist der westlichste Ausläufer einer eurasischen  Vegetationszone, die sich von hier – mit kleinen Unterbrechungen z. B. durch die Karpaten und den Ural – bis in die Mongolei erstreckt. Nach neuesten Erkenntnissen entstand die Puszta als  Waldsteppe vor über 35.000 Jahren, verwandelte sich vor über 8000 Jahren allmählich in eine Grassteppe und breitete sich in den letzten 3000 Jahren durch menschliche Einwirkung als Kultursteppe bzw. Sekundärsteppe schrittweise aus, wobei die Zeit zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert Bedeutung hat. Die Vielfalt der Pflanzen und Tierwelt in der Szent Martony Puszta ist einzigartig. Auf Ihr herrscht eine große Weite bzw. eine große Steppe, die hin und wieder durch Hecken oder eine ausgetrocknete Bachsenke unterbrochen wird. Die Szent Martony Puszta  war ein Weideland mit spärlicher Vegetation, die nur als Viehweide genutzt werden konnte. Bis in der heutigen Zeit wächst auf der Hutweide nur Gras, die als Weide für die Tiere genutzt wurde.

Der Weg von Schimand nach Sanktmartin. Links lag einst die Szent Martony Puszta, rechts die Hutweide, eine Verlängerung der weiten ungarischen Puszta.

 

Bilder von Puszta Gehöften wie die der Szent Martony Puszta und Bilder von der Hutweide und Krautäcker wo vor der Schlacht um Gyula 1565 die Szent Martony Puszta lag.

1514 erstickte Zápolya den großen Bauernaufstand unter Führung von Gyorgy Dozsa gegen die Grundherrschaft des Adels und die Erbuntertänigkeit der Bauern. Auf Zápolyas Geheiß wurde der Rebellenführer György Dozsa als „Bauernkönig“ verhöhnt, gefoltert und unter entsetzlichen Qualen langsam zu Tode gebracht. Nun war Zápolya beim Landadel, dessen Tyrannei die Bauernschaft zur Revolte getrieben hatte, als Retter aus der Gefahr beliebter denn je zuvor. Während Ungarn 1514 durch den Bauernaufstand  des György Dozsa und dessen Niederschlagung seine für den Kampf gegen die Osmanen benötigten Verteidigungskräfte geschwächt hatte, hatten die Osmanen 1521 ihr Reich durch die  Eroberung Belgrads in nordwestliche Richtung erweitert. Nun war der Weg nach Westen für sie frei. Vor Ihnen stand nur das kleine Herr der Ungarn. In der Schlacht bei Mohács erlitt das Heer des  Königreiches Ungarn unter König Ludwig II. am 29. August 1626 gegen die osmanische Armee unter  Süleyman I. bei Mohacs in Südungarn eine vernichtende Niederlage und Ungarn über 170 Jahre unter Türkischer Herrschaft. Vor Mohács stellten die Magyaren rund 75 Prozent bis 80 Prozent der auf 3,5 bis vier Millionen geschätzten Gesamtbevölkerung. Um 1600 schätzte man sie aber nur mehr auf etwa 2,5 Millionen. Nach dem Rückzug der Türken betrug die geschätzte Einwohnerzahl rund vier Millionen; dass heißt, um 1720 hat sie den spätmittelalterlichen Stand knapp überschritten. Die ständige Flucht von Serben nordwärts und Slowaken südwärts sowie der massive Zustrom von Rumänen aus der Walachei, verringerten den ungarischen Anteil an der Gesamtbevölkerung auf rund die Hälfte. Allein 1690/1691 wurden rund 200.000 serbische Flüchtlinge vor einer türkischen Gegenoffensive auf Anordnung Kaiser Leopolds in Ungarn aufgenommen. Wenn man noch die bewusste, großangelegte Ansiedlung von Deutschen und Slawen im 18. Jahrhundert vorgreifend erwähnt, so ist es nicht überraschend, dass die Volkszählung von 1787 bei einer Einwohnerzahl von 8,5 Millionen einen ungarischen Anteil von lediglich 39 Prozent aufwies. Hinter diesen trockenen Zahlen verbirgt sich eine tragische nationale Entwicklung. Diese Tragödie zeigt auch heute das Verhalten der Ungarn gegenüber von Zuzug Moslemischer Asylanten.
Weite Teile Ungarns, im Norden und Osten, bleiben noch Jahrzehnte frei. Nach der Eroberung der Festung Temesvar und Lippa war nun der Weg frei auch die Festung Gyula zu erobern.

    

Oben: die Schlacht von Mohacs 1526
Unten links: König Ludwig II, der in der Schlacht von Mohacs ums Leben kam.
Unten Mitte: Suleyman der Prächtige; Er war einer der mächtigsten Herrscher
seiner Zeit und wird in der Türkei bis heute verehrt: Süleyman der Prächtige
führte das Reich auf den Gipfel seiner Geschichte und starb bei der Belagerung der Festung Szigetvar 1566 in Südungarn, Bild unten rechts

Mit dem Fall der Festung Gyula im Jahre 1566 ist wahrscheinlich auch das Gehöft Szent Martony Puszta zugrunde gegangen. Dem starken Widerstand dieser Festung ist es jedenfalls zu verdanken, dass die Macht der Türken erst Jahrzehnte nach der Schlacht bei Mohacs 1526 sich in Richtung Nordosten ausbreiten konnte. Als nach dieser Schlacht, die vor Gyula gelegene Festung Lippa und Temesvar von den Türken zu Fall gebracht wurden, hatte die Schlüsselstellung unserer Gegend die Festung Gyula inne. Die feindlichen Verhältnisse zwischen dem Siebenbürgen Regenten und dem kaiserlichen Haus der Habsburger führten aber alsbald den Fall der Festung Gyula herbei. Nachdem der Gegenspieler der Habsburger, Janos Zsigmond, sich der türkischen Hilfe versicherte, unterbrach er im Frühjahr 1565 die Verhandlungen mit dem Kaiser Maximilian II. Noch im Mai desselben Jahres entsandte er an der Spitze einer Reiterschar den Siebenbürger Gregor Bethlen nach Temesvar zum Pascha Hassan der Türken. Bethlen hatte den Auftrag, gemeinsam mit den Türken die ganze Gegend von Gyula zu besetzen und sich ihm schließlich zu unterwerfen. Gregor Bethlen führte die Türken geradewegs in das Komitat Zarand, wo sich die Güter seiner Vorfahren befanden. Kämpfe der Türken mit den ungarischen Truppen fanden auf den Gütern unserer Heimatgemeinde 1565 statt. Der Ort wo die Schlacht war, ist die Hutweide der Gemeinde, wenige Meter wo heute der Doppelbrunnen steht, gleich an dem dortigen Stück Feld. Viele von uns erinnern sich, dass man in den 1960-er Jahren Lehmerde für die Häuser entnahm und dabei Knochen und Krummsäbel zum Vorschein kamen. Es ist ein Massengrab von osmanischen Soldaten. Die Festung Gyula selbst konnten die Türken erst im Jahre 1566 einnehmen. Nach einer 8-wöchigen Belagerung ergaben sich die Verteidiger unter László Kerecsényi unter der Bedingung des freien Abzugs den türkischen Angreifern. Als sie die Tore öffneten und herauskamen wurden sie jedoch niedergemetzelt. Die Türken machten danach aus Gyula einen Regierungssitz. Während den osmanischen Angriffen mussten sich auch die Verteidiger der Burg 1566 gegen 32.000 türkische Belagerer zur Wehr setzen. Zwei Monate hielt die Belagerung stand, bevor sich die letzten Ungarn ergaben und trotz des Versprechens freies Geleit zu erhalten von den Osmanen kaltblütig abgeschlachtet wurden.

 

Die Szent Martony Puszta stand auf den späteren Krautäckern auf der oberen Karte auf der Gemarkung Gauleta siehe Via Şimandan Mitte/unten /rechts und gegenüber der Pascuum Szt. Martonium.

Die Bilanz der Türkenzeit im zentralen Ungarn und auch im Banat war ein vollständiges Ausbluten ganzer Landstriche. Der großflächige Ruin erstreckt sich Mitte des 17. Jahrhunderts in den türkisch besetzten Gebieten auf 90 Prozent der Ebenen, auf zwei Drittel des Getreideackerlandes und auf die Hälfte der Viehhaltung. Aber damit nicht genug. Nach der Besetzung Süd- und Mittelungarns verwüsteten die Truppen des Sultans nicht nur in den "großen" Kriegen alles, was ihnen in den Weg kam, sondern auch in den ständigen Kleinkriegen der sogenannten Friedenszeiten, bis hin zu ganzen Dörfern. Besonders gefürchtet waren die Krimtataren, die als Hilfstruppen durch Ungarn und Siebenbürgen zogen und überall eine Blutspur hinterließen. Die türkischen Eroberer teilten das Land in fünf Paschaliks unter der Kontrolle des Beglerbeg, des Paschas von Buda, auf Eigentümer des gesamten "Khas" Güter "für Allah", also direkt, verwaltete. Während die staatlichen Güter eine gewisse Rechtssicherheit und Beständigkeit in der Verwaltung boten und den Bauern oft weniger Belastungen als bei den früheren Grundherren ertragen mussten, wollten die türkischen Berufssoldaten und Beamten aus den als Lehen auf Widerruf zugeteilten Gütern in möglichst kurzer Zeit einen möglichst hohen Gewinn herauspressen. Die Folge war eine rücksichtslose Ausbeutung und damit korrespondierend die Landflucht der Bauern. Das wird auch unser Lehnsherr J. G. Harruckern auf seinen Gütern erfahren, wonach hunderte Leibeigene flohen und er aus diesem heraus Kolonisten aus Franken ansiedelte. Darüber hinaus machten die Türken keinen Unterschied zwischen Adligen und Leibeigenen. Nicht nur die einfachen Soldaten auf dem Schlachtfeld, sondern auch die loyalen Bauern konnten den Adelsbrief relativ leicht bekommen. Zunächst war die Erhebung in den Adelsstand oft ein leeres Wort und wahrscheinlich deshalb so leicht zu erlangen. Ein starkes Anwachsen der Zahl armer Kleinadliger gab es nämlich nicht nur im Königlichen Ungarn und im Fürstentum Siebenbürgen, sondern auch im türkischen Gebiet.   Die Türken duldeten, dass die Bauern und die Gemeinden dem ungarischen Staat, bzw. ihren abwesenden, weil nämlich rechtzeitig geflüchteten Grundherren Abgaben leisteten und sogar kommunale Projekte und Rechtstreitigkeiten den im königlich-habsburgischen Landesteil amtierenden Komitats Behörden vorlegten. Dass es keine geschlossenen Grenzen gab und dass die Händler, Geistlichen und Prediger ungehindert von einem Herrschaftsgebiet ins andere reisten bzw. zurückkehren konnten, verlieh dem Nationalgefühl und dem Überlebenswillen der Ungarn einen langfristig ungeheuer wichtigen Auftrieb.

Die Szent Martony Puszta stand auf den späteren Krautäckern auf der oberen Karte auf der Gemarkung Gauleta siehe Via Şimandan Mitte/unten /rechts und gegenüber der Pascuum Szt. Martonium. Das wiederum spiegelt sich nach dem österreich-ungarischen Ausgleich 1867 wieder, wo die Ungarn nun alle Nationalitäten zu guten Ungarn erziehen wollten. Was unsere Großeltern damals erlebten ist auch eine Konsequent der 170-jährigen türkischen Besetzung Ungarns.
Nach dem Kampf 1565 auf unserem Sanktmartiner Gebiet blieb nach der Schlacht, auf der damaligen Puszta nichts mehr übrig. Es wurde alles geplündert und verbrannt. Die Tonscherben die man in unserer Zeit fand sind das einzige Überbleibsel aus jener Zeit. Nach Einnahme der Festung durch die Türken begann eine fast 150 jährige Verwüstung, Verödung und Verwilderung der Gegend. Vor der türkischen Besatzung waren im Komitat Zarand insgesamt 1734 Gehöfte. Nach der Befreiung vom Türkenjoch im Jahre 1696 gab es nur noch 50 Gehöfte im ganzen Komitat. Nach schweren Kämpfen ist es bereits im Jahre 1696 gelungen, die Festung der Stadt Gyula von den Türken zu befreien, und diese aus der Umgebung zu verjagen. Erst nach dem Sathmarer Friedensvertrag im Jahre 1711 konnte man mit einer begrenzten Wiederbesiedlung des östlichen Teils der ungarischen Tiefebene langsam beginnen.
Im nachhinein kann man heute sagen, dass durch die türkische Besatzung des Zarander Komitats, die Verwüstung der Gegend durch Untaten der türkischen Paschaliks und Flucht der damaligen Bevölkerung, den Zuzug unserer Vorfahren erst möglich machte.
Das gleiche können in Zukunft Geschichtsschreiber der jetzigen dort lebenden rumänischen Sanktmartiner schreiben, dass durch den II. Weilkrieg und seine Folgen, durch Wegzug der deutschen autochthonen Bevölkerung nach Deutschland, es ihnen gelungen ist eine neue Heimat in Sanktmartin/Sânmartin zu finden.

Bernhard Fackelmann
Vorsitzender der Samatimer HOG